Ist das Kunst? Ja, aber alles andere als gute

Man stelle sich mal vor: Die Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt werden von den umliegenden Ortschaften verhöhnt. Wie zum Beispiel die Miltenberger als „Staffelbrunser“. Weil, wie die historisch bestreitbare Behauptung es will, die Bürgerinnen und Bürger der Kreisstadt weit überdurchschnittlich oft von den Stufen (= Staffeln) vor den Häusern – oder auch an diese, wie eine andere Lesart behauptet – uriniert haben sollen. Nun würde in jeder einigermaßen als intelligent gelten wollenden Stadt so etwas mit dem Blick der Verachtung gestraft werden. Man würde sich ganz einfach nicht zu diesem Dünnpfiff der Nachbarn äußern. Nicht so in Miltenberg am Main. Hier ist der gemeine Mann und die ebenso gemeine Frau sogar stolz auf diesen urinösen Namen, der ihnen einst zum Zwecke des höhnischen Spotts verliehen worden war. Nicht nur das: Sie nehmen echtes Geld in die Hand und lassen sich ein Staffelbrunser-Denkmal setzen: Drei Jungs, die in hohem Bogen urinieren. Das Ganze als Brunnen in Bronze gegossen.

Was wir vorfinden ist mehr oder weniger verstecktes obszönes Darstellen (Sigmund Freud lässt grüßen), ein in Bronze gegossener Herrenwitz von den drei Pissbuben. Altbacken zudem, denn die Ausführung ist gestriges Bronzehandwerk, das schon in den fünfziger Jahren nicht mehr auf der Höhe der Zeit gewesen wäre. Dem Künstler kann nur zugute gehalten werden, dass er von seiner Arbeit leben muss und daher das geliefert hat, was gewünscht wurde.

Genau so etwas, das scheint auch die Absicht der den Brunnen stiftenden Werbegemeinschaft gewesen zu sein, bleibt bei den Touristen in Erinnerung. Mit obszön-kindischer Freude fotografieren sie sich vor den Staffelbrunsern die Finger wund. So ist besagter Brunnen schon heute das meist fotografierte Motiv der Kleinstadt. Und so bleibt, wenn die Touristenmassen sich wieder Richtung Heimat bewegen, eines unvergessen: Pissbuben. Dass es hier eine schöne Landschaft, alte Gassen, historische Häuser, ein hervorragendes Kunstmuseum, ein beachtliches historisches Museum gibt … vergessen. Nur: Die Pissbuben, die bleiben. Miltenberg wird zur Kleinstadt der Pisser. Eine Provinzposse.

Da sollten die Verantwortlichen wenigsten konsequent sein und statt Wasser echten Urin durch die Rohre des Denkmalbrunnens laufen lassen! Die Bürgerinnen und Bürger würden sicherlich gerne ihre Urinspenden für den Staffelbrunser-Brunnen im Rathaus abgeben.

Die Frage aber, ob das Kunst ist, dieser Brunnen mit den drei Pissnelken: ja, selbstverständlich. Was soll es denn sonst sein? Nur eben keine gute Kunst.

Max A. Franke

s. auch hier


2 Antworten auf „Ist das Kunst? Ja, aber alles andere als gute“


  1. 1 gefunden auf Facebook 22. Juni 2017 um 8:56 Uhr

    Mapec hatte noch am 21. Juni auf seiner Facebook-Seite einen Link zu unserem Beitrag gesetzt. Seine Überschrift: Ist das Kunst oder kann das weg?
    Darauf die Künstlerin Yvonne M. Klug: Die Frage lautet für mich anders: Was ist Kunst und was kann weg?

    Jürgen A.: Echt jetzt? Wo steht das Meisterwerk genau? Schick mir bitte ein Selfie! Sind die Redaktionen von Extra 3 und Titanic schon in Kenntnis gesetzt worden? Hat sich der Bürgermeister mit den drei Buben fotografieren lassen? Was sagen die Femministinnen der Stadt dazu? Hat sich die AfD schon empört? Ich finde ja, dass das Denkmal schon aus genderpolitischen Gesichtspunkten zu kritisieren ist. Es zeigt eindeutig drei Personen, die als Cis-Männer zu identifizieren sind. Eine transgender Person hätte schon mit dazu gemusst.

    Ute H. meinte: Ich empfinde pinkelnde Männer nicht als Kunst.
    Darauf Mapec: Kunst hat nix mit gut zu tun. Es gibt auch Kunst, die einfach sch….. ist.

    Yohazid zeigte ein Foto von zwei Vollpfosten des „Islamischen Staates“. Diese reißen etwas nieder, dazu die Schrift: Ist das Kunst? Ja. Kann weg.

    Zwischen Hannes Schalk und Mapec entwickelte sich ein kleiner Disput. Hannes: Den Miltenbergern das was ihnen gehört. Ich finde den Brunnen perfekt. In jeder Hinsicht. Den Biergarten bei der Minigolfanlage auch. War in den letzten Jahren kaum in Biergärten, aber jetzt habe ich wieder Lust darauf.
    Darauf Mapec: An Hannes: Ach du Miesepeter! Noch vor Jahresfrist hättest du selbst so eloquenten Verhau geschrieben. Und heute nix als hemdsärmeliger Kulturpessimismus. Adorno und Marx wären not amused!
    Hannes Schalk erwiderte: Kann ich nicht glauben. Dieser Tourihass mit fast xenophober Tendenz und Verteidigung der Dorfromantik sind mir schon lange zuwieder. Adorno war übrigens nicht ganz dicht in dieser Hinsicht was sein Odenwaldfetisch eindrucksvoll belegt. Wobei… die Wälder finde ich auch echt nicht übel.
    Mapec: Also da hast du jetzt was völlig falsch verstanden und die Kritik am kapitalen Spektakel mit Xenophobie verwechselt. Darüber müssen wir mal reden.

    Schön, wenn sich soviel an Rückmeldungen ergibt. Nur: Warum nicht auf unserem Blog?

  2. 2 Das letzte Wort 26. Juni 2017 um 15:22 Uhr

    Dann bringen wir noch schnell die abschließende Debatte vom 21. und 22. Juni aus dem schon erwähnten facebook-Disput zwischen Hannes und Mapec:

    Hannes Schalk: Dann ist ja alles gut! Kapitalismuskritik geht nicht ohne Herabsetzung der Fremden zur „Landplage“ (Zitat aus „Lass uns mit dem Krach in Ruhe“) und beleidigtes lamentieren darüber das Miltenberg durch einen Brunnen zur „Kleinstadt der Pisser“ wird. Checkt eure Kritik am „kapitalen Spektakel“ ihr Kunstboys.
    Martin Mapec: Landplage – da sind wir auf der Erscheinungs-, nicht auf der Analyseebene. Und so lange da keine Begriffe wie Ratten oder Heuschrecken oder anderes in der landläufigen Meinung auszurottendes Getier kommen, ist das auch vertretbar.
    Und warum du die Touris, die uns so gleich sind, als „Fremde“ adeln willst … unverständlich.
    Und sonst: Es wird nicht lamentiert, es wird festgestellt und angeklagt. Und die Kunstboys (übrigens: auch die Kunstgirls) checken beständig – und zwar alles, lieber Hannes. Der Beitrag aber war eine Einzelmeinung, als Glosse erkennbar (Polemik und so …).
    Hannes Schalk: Also die Unterscheidung von Touri (Fremd) und Miltenberger (Heimisch) wird doch in den Texten aufgemacht. Mir das jetzt unterschieben zu wollen ist ziemlich frech. Das Polemik (ähnlich wie Ironie oder Satire) offenbar auch alles dürfen soll ist wohl ein Zeitphänomen aber deswegen, oder vielleicht gerade deshalb, noch lange nicht gut. Ps: Sorry aber diese vermeintlich kritischen Texte sind es mir wirklich nicht wert eine ausführliche Kritik zu schreiben um die eigentlich auf der Hand liegende Bessesenheit von Touris und prvinzieller Idylle nachzuweisen. Over and out. Ihr Landplagen.
    Martin Mapec: Also gut, dann lasse ich dir das letzte Wort und gebe nach, das machen ja die Klügeren generell so. (Vorsicht Humor!)
    Hannes Schalk: Amen.

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