Sünde als ein Dasein, geprägt von der inneren Gottesferne

Aufgrund der Beschäftigung mit dem Thema „Gewalt und Kunst“ im letzten Jahr regte Dr. Christina Glaser-Kissenberth, Mitglied der Initiative 12M26, an, ein Referat zu halten zum Thema „Gott und das Böse, oder: Wie ist die Existenz des Bösen in der Welt vereinbar mit der Idee des gütigen, barmherzigen Gottes im Christentum?“

Anhand mehrerer Thesen, die lebendig diskutiert wurden, wurde u.a. der für das Thema unverzichtbaren theologischen Begriff „Sünde“ genannt. „Sünde“ erscheine als ein Dasein, geprägt von der inneren Gottesferne, welche dazu führe, dass der Mensch nicht „gut“ sein kann, weil und solange er von Gott getrennt ist. Das Dasein im Modus des Mangels Gottes sei gekennzeichnet als ein innerlich zerrissenes Dasein, der Unerträglichkeit an sich selber und der eigenen Freiheit, welches wie zwangsläufig selbstzerstörerisch alle möglichen Formen des Bösen setzen müsse.

Es wurde erklärt, dass diese angstnotbedingte geistige Haltung fern von Gott den Menschen schuldig spreche, da er auch anders könnte, als all seine Handlungen dahin zu bestimmen, wesentlich in Widerspruch zu seinem Ursprung und zu sich selbst zu stehen. Das, was außerhalb von Gott, psychologisch und philosophisch wie zwangsläufig erscheint (der „natürliche“ Mensch ist so wie er ist), ist theologisch gesehen „Schuld“, da er auch anders könne und weit unter seinen Möglichkeiten lebe.

Anhand des Schlüsselbegriffs „Rechtfertigung“ erklärte die Referentin, dass der gottferne Mensch, der seinen Halt und seine Befreiung nicht im Unendlichen findet, glaubt, seine Berechtigung im Sein durch eigene Werke verdienen zu müssen und nur aufgrund seiner Werke etwas zu gelten. Fern von Gott sieht er sich wie gezwungen, sein „Loch“ im Sein mit allem füllen zu müssen, was nicht Gott ist, mit den Dingen der Kontingenz also.

Als Lösungsweg aus dem Dilemma der Angst und Freiheit des menschlichen Daseins der Gottesferne wurde das personale Vertrauen zu einem nur gütigen Gott betont, von dem sich der Mensch getragen wissen müsse, um in den Besitz seiner selbst zu kommen und so zum Guten fähig zu werden. Erst im Gegenüber einer entängstigenden Gottesbeziehung könne der Mensch im Glauben als Vertrauen erkennen, wovon und woraus er wirklich lebt.

Gehalten in Gott, werde er befähigt, aus seinem maßlosen Ersatzleben und seinen Selbstüberforderungen heraustreten und sein eigenes Maß zu finden. Freilich bedürfe es auch der Person eines anderen Menschen. Dieser jedoch müsse, anders als ehemals fern von Gott, nicht mehr die Welt des Absoluten ersetzen, sondern brauche „nur“ Mensch zu sein.

Es wurde deutlich, dass keine der entscheidenden Fragen gelöst werden könnten, wenn Gott nicht als eine freie, absolute Person dem Menschen gegenübersteht.

Neben den evolutiv erworbenen Ängsten wurde besonders die Angst vor dem Alter, vor Krankheit, Not und Tod hervorgehoben, welche die Religion und die Lösung aus dem Unendlichen (Gott) besonders notwendig machten. Bei der Frage des Gottesbildes sah die Referentin uns verwiesen auf das Gottesbild Jesu und seiner gelebten Menschlichkeit als Maßstab auch für uns. Gott „gibt“ es nur, wenn der Mensch durch ihn lebt, hieß es. Das aber bedeute, dass der Mensch in der Verantwortung dessen stehe, wer er selber ist, mit der Gesellschaft, in der er lebt, mit der Welt und der ihn umgebenden Natur. Wenn wir beispielsweise Menschlichkeit als zentralen Wert und damit zusammenhängende Werte in der Welt wollten, dann müssten wir sie selber leben.